Drei Fragen an Gesa Vögele, geschäftsführende Gesellschafterin

"Der Wert menschlicher Interaktion und menschengemachter Werke sollte stärker im Zentrum stehen"

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13. März 2026

Im Kurzinterview spricht Gesa Vögele über Chancen, die aus dem ESG-Backlash und den aktuellen geopolitischen Umwälzungen entstehen könnten und erklärt, was ihre aktuellen Projekte im Fair Finance Institute verbindet, Darüber hinaus hebt sie zwei Aspekte hervor, denen aus ihrer Sicht künftig eine große Bedeutung zukommt.

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Welche Auswirkungen haben die aktuellen geopolitischen Ereignisse auf den Sustainable Finance Bereich in Deutschland und Europa?

Gesa Vögele: Das ist eine große Frage, die sich nicht leicht und erst recht nicht in ein paar Sätzen beantworten lässt. Aber ich möchte versuchen, Tendenzen, die ich beobachte, aufzuzeigen: Zum einen wird Sustainable Finance angesichts des Backlash in den letzten Jahren von der Mehrheit der Akteure stärker als zuvor aus einer Risiko-Perspektive heraus verstanden und implementiert. Die Aufsichtsbehörden spielen hierbei eine wichtige Rolle. Vornehmlich intrinsisch motivierte Akteure stellen dagegen Aspekte wie Impact und Verantwortung pointierter in den Vordergrund. Die Chance liegt darin, dass beide Dimensionen jenseits des Hypes in praktischer konkreter Arbeit geschärft und weiterentwickelt werden können.

Die aktuellen und sehr schwierigen Entwicklungen im Nahen Osten können im besten Fall den Nebeneffekt haben, über Parteigrenzen hinweg das Verständnis dafür zu schärfen, dass Erneuerbare Energien tatsächlich Freiheitsenergien sind, resilienten Lieferketten eine nicht zu unterschätzende geopolitische Relevanz zukommt und wir uns dringend um nachhaltige Infrastrukturen kümmern müssen. Es besteht zumindest die Chance, dass diese Aspekte in der Breite der Gesellschaft künftig besser verstanden werden.

Du hast Dich in den letzten Monaten mit verschiedenen Themen befasst, zum Beispiel mit Biodiversity Credits, Gender-Lens Investing und Fonds mit Spendenkomponente. Kannst Du deren Relevanz bitte kurz erläutern?

Gesa Vögele: Auf den ersten Blick mögen die Themen sehr unterschiedlich erscheinen. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie die zentrale Frage berühren, wie Vielfalt Resilienz und Nachhaltigkeit stärken, fördern und gestalten kann. Zugleich sind es Themen, die – zumindest im deutschsprachigen Raum – bislang kaum Aufmerksamkeit erhalten haben.

Gender-Lens bedeutet zunächst einfach nur, durch die bewusste Berücksichtigung von Geschlecht sowie den damit verbundenen sozialen Erwartungen und Rollen die Realität differenzierter und umfassender wahrzunehmen. Es handelt sich also um eine Horizonterweiterung, die zusätzliche Erkenntnisse und damit besser informierte Investitionsentscheidungen ermöglicht. So kann ein Beitrag geleistet werden, Kapital tatsächlich dorthin zu lenken, wo es am dringendsten benötigt wird und den größtmöglichen gesellschaftlichen Nutzen entfalten kann. Vieles deutet darauf hin, dass Investitionen, die insbesondere Frauen zugutekommen, nicht nur zur Gleichstellung beitragen, sondern darüber hinaus positive Impulse für Nachhaltigkeit und Resilienz setzen.

Bei Fonds mit Spendenkomponente werden philanthropische Ansätze und Investitionen miteinander verknüpft. Aus meiner Sicht liegt in dieser Verbindung ein erhebliches Potenzial, um beispielsweise verlässliche und kontinuierliche Finanzierungsströme für gemeinnützige Organisationen und Projekte zu sichern. Denn diese sind für resiliente und gesunde Gesellschaften von zentraler Bedeutung, stehen jedoch zunehmend unter Druck. Umso wichtiger ist es, neue Lösungen zu entwickeln und Geld in seinen unterschiedlichen Schattierungen – von renditeorientiertem Kapital bis hin zu Schenkgeld – wirkungsvoll miteinander zu kombinieren.

Schließlich gehört der Verlust der biologischen Vielfalt zu den größten Herausforderungen unserer Zeit. Es geht dabei im wahrsten Sinne des Wortes um unsere Lebensgrundlagen. Und da sehe ich es als ein großes Glück an, dass wir bei den Lösungsansätzen und Maßnahmen, die derzeit im Fokus des Interesses stehen und zugleich sehr kontrovers diskutiert werden, die Debatten mitgestalten können. Biodiversity Credits, die zunehmend vor allem Nature Credits genannt werden, sind aktuell eines der zentralen Themen im Bereich Biodiversität auf EU-Ebene und perspektivisch auch in Deutschland.

Welche Themen werden künftig zusätzlich an Bedeutung gewinnen?

Gesa Vögele: Konkrete Themen kann und will ich nicht nennen. Die Zukunft lässt sich nicht vorhersagen. Aber ich halte für die künftige Entwicklung zwei Aspekte für besonders bedeutsam.

Erstens ist es aus meiner Sicht wichtig, Lösungsansätze stärker partizipativ und rückgekoppelt mit den Menschen vor Ort zu entwickeln. Top-Down-Ansätze funktionieren häufig nicht. Das zeigte sich auch beim EU-Aktionsplan Sustainable Finance. Schlanke Entscheidungsprozesse mit einem potenziell großen Wirkungsgrad mögen auf den ersten Blick vorteilhaft erscheinen. In der Umsetzung stoßen diese aber häufig dann auf erheblichen Widerstand, wenn die betroffenen Akteure nicht von Anfang an effektiv eingebunden wurden. Zeitintensive Beteiligungsprozesse können sich daher in der Gesamtbetrachtung tatsächlich als effizienter erweisen. Dies heißt mit anderen Worten auch, dass an mühevoller Kleinarbeit leider kein Weg vorbeiführt. Die Transformation kann nur vor Ort durch konkrete Menschen vorangebracht werden.

Zweitens denke ich, dass der Wert menschlicher Interaktion und menschengemachter Werke viel stärker im Zentrum stehen sollte. Gerade weil es durch die Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz immer schwieriger wird, Mensch und Maschine voneinander zu unterscheiden, sind wir dazu aufgerufen, unsere Menschlichkeit zu reflektieren und für diese ganz bewusst Räume zu erhalten und zu schaffen.

Die Fragen stellte Walter Kern.

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