Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage, wie Investitionen und Finanzdienstleistungen gezielt zur Förderung der Geschlechtergerechtigkeit beitragen können, zunehmend an Bedeutung. Ein Ansatz hierfür ist Gender-Lens Investing (GLI), bei dem geschlechtsspezifische Aspekte systematisch in Investitionsentscheidungen einbezogen werden. Ziel ist es, die wirtschaftliche Teilhabe von Frauen zu stärken und Investitionen stärker an Gleichstellungszielen auszurichten. Während GLI neue Möglichkeiten eröffnen kann, zusätzliches Kapital zu mobilisieren und bestehende Finanzierungslücken zu verringern, stellen sich zugleich Fragen nach seiner tatsächlichen Wirksamkeit, möglichen Risiken und den Voraussetzungen für eine nachhaltige Umsetzung. Insbesondere mit Blick auf den Globalen Süden gilt es zu berücksichtigen, inwiefern Investitionen bestehende Ungleichheiten abbauen können oder unter bestimmten Bedingungen neue Abhängigkeiten und unbeabsichtigte negative Auswirkungen entstehen.
Workshop am 29. September in Berlin
Um diese unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten und gemeinsam zu diskutieren, fand am 29. September 2026 in Berlin der Fachworkshop Chancen nutzen, Grenzen verstehen. Gender-Lens Investing für eine globale nachhaltige Entwicklung statt, der vom Fair Finance Institute konzipiert, organisiert und durchgeführt wurde. Gesa Vögele, Co-Geschäftsführerin des Fair Finance Institute, eröffnete und moderierte die Veranstaltung. Ziel war es, einen kritisch-konstruktiven Austausch über die Chancen, Grenzen und Handlungsspielräume von Gender-Lens Investing im Globalen Süden zu ermöglichen, unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen und die Vernetzung zwischen den beteiligten Akteur:innen zu fördern. Der Workshop richtete sich insbesondere an Fachleute aus den Bereichen Gleichstellung, Entwicklungszusammenarbeit und Finanzwirtschaft.
Chancen, Grenzen und Handlungsspielräume
Eine Besonderheit des Workshops war das partizipative Format: Bereits zu Beginn tauschten sich die Teilnehmenden in wechselnden Zweiergesprächen über ihre Motivation zur Teilnahme sowie erste Einschätzungen zu Chancen und Grenzen von Gender-Lens Investing aus. Während des gesamten Workshops wurden die Teilnehmenden dazu ermutigt, ihre Gedanken auf Moderationskarten festzuhalten und an drei Stellwänden zu den Themen Chancen, Grenzen und Handlungsspielräume anzuheften. Im Anschluss an die Fachvorträge vertieften die Teilnehmenden in zwei parallelen Gruppenarbeiten die Themen Blended Finance und finanzielle Gewalt. Die Ergebnisse wurden anschließend im Plenum vorgestellt. In der abschließenden gemeinsamen Diskussion wurden zudem die gesammelten Beiträge auf den Stellwänden von Teilnehmenden thematisch geclustert und vorgestellt.

Die Veranstaltung zeigte, dass Gender-Lens Investing einerseits Potenziale bietet, zusätzliche finanzielle Mittel für Gleichstellungsziele zu mobilisieren und die wirtschaftliche Teilhabe und Selbstbestimmung von Frauen zu stärken. Andererseits wurde deutlich, dass der Ansatz auch mit Risiken und Grenzen verbunden ist und gesellschaftliche und strukturelle Rahmenbedingungen des Globalen Südens berücksichtigt werden müssen. Dabei zeigte sich, dass finanzielle Instrumente allein nicht ausreichen, sondern durch begleitende Maßnahmen, geeignete Rahmenbedingungen und die Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteur:innen ergänzt werden müssen, um einen wirksamen Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit und einer globalen nachhaltigen Entwicklung zu leisten.
Gleichstellung und die globale Nachhaltigkeitsagenda
Birgitta Hahn von Terre des Femmes eröffnete die Fachvorträge mit ihrem Beitrag Internationale Zusammenarbeit und Frauenrechte. Nach einer kurzen Vorstellung von TERRE DES FEMMES beleuchtete sie den weltweiten Stand der Geschlechtergleichstellung mit besonderem Fokus auf die wirtschaftliche Teilhabe von Frauen im Globalen Süden. Anhand des Global Gender Gap Reports 2026 verdeutlichte sie, dass im Bereich wirtschaftliche Teilhabe und Chancen weltweit bislang eine Geschlechterparität von 61,7 Prozent erreicht wurde. Sie erläuterte, wie patriarchale Strukturen und Diskriminierung den Zugang von Frauen zu Bildung, Arbeit, Kapital und Land einschränken. Anhand von Praxisbeispielen aus Nicaragua und Mali zeigte sie, wie Frauen durch berufliche Qualifizierung, finanzielle Unterstützung und Beratung gestärkt werden können, zugleich aber rechtliche und gesellschaftliche Hindernisse ihre Selbstbestimmung begrenzen. Sie betonte daher, dass Maßnahmen zur wirtschaftlichen Stärkung von Frauen durch Bildungs- und Sensibilisierungsangebote ergänzt werden sollten, die auch Männer sowie traditionelle und religiöse Führungspersonen einbeziehen.

Praxisperspektiven
Matthias Treutwein von enpact stellte in seinem Vortrag Katalytisches Kapital: Finanzierungsmodelle (für Frauen), die wirklich etwas bewegen Ansätze zur Förderung von Unternehmertum im Kontext der internationalen Entwicklungszusammenarbeit vor. Er erläuterte, wie enpact Unternehmer:innen und ihre lokalen Ökosysteme in mehr als 30 Ländern unterstützt, um wirtschaftliche Ungleichheiten zu verringern und gesellschaftlichen Wohlstand zu fördern. Im Mittelpunkt steht dabei die direkte finanzielle Unterstützung von Gründer:innen und Unternehmen, die durch weitere Angebote wie Trainings, Mentoring und digitale Begleitung ergänzt wird. Anhand verschiedener Förderprogramme, darunter Gründungsstipendien sowie Krisen- und Resilienzprogramme, zeigte er, wie finanzielle Mittel gezielt eingesetzt werden können, um unternehmerische Tätigkeiten aufzubauen und zu stärken. Konkrete Beispiele von Unternehmerinnen aus unterschiedlichen Ländern verdeutlichten, wie die Förderung neue Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten schaffen und wirtschaftliche Selbstbestimmung unterstützen kann.

Gender-Aspekte in der Mikrofinanz
Ariane Schoen von Invest in Visions beleuchtete in ihrem Vortrag Gender-Aspekte in Mikrofinanz die Möglichkeiten, geschlechtsspezifische Aspekte bei Mikrofinanzinvestitionen systematisch zu berücksichtigen. Zunächst stellte sie den IIV-Mikrofinanzfonds und dessen Wirkungsmodell Theory of Change vor. Dieses sieht vor, durch die Finanzierung verantwortungsvoller Mikrofinanzinstitute einkommensschwachen Menschen, insbesondere Frauen, Zugang zu Finanzdienstleistungen zu ermöglichen und dadurch langfristig Einkommen, wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit und die Stellung von Frauen innerhalb ihrer Haushalte zu stärken. Anschließend erläuterte sie, wie soziale und geschlechtsspezifische Kriterien in die Prüfung von Mikrofinanzinstituten einbezogen werden. Hierfür nutzt Invest in Visions unter anderem das Bewertungsinstrument ALINUS, das auf internationalen Standards für soziales und ökologisches Wirkungsmanagement basiert. Mit dem sogenannten Gender-Dashboard stellte sie eine Erweiterung vor, durch die Gender-Aspekte künftig noch gezielter in Investitionsentscheidungen und die Wirkungsmessung einfließen sollen. Berücksichtigt werden dabei unter anderem die Ausrichtung von Finanzdienstleistungen auf Frauen, Geschlechtergleichstellung innerhalb der Institute sowie der Schutz von Kundinnen und Beschäftigten.

Gender-Lens Investing weiterdenken
Dr. Hanne Roggemann vom institut für finanzdienstleistungen (iff) beschäftigte sich in ihrem Vortrag Mehr Wirkung durch Blended Finance? Umsetzung, Anwendung und Herausforderungen mit der Frage, wie durch die Kombination öffentlicher und privater Finanzmittel zusätzliche Investitionen für eine nachhaltige Entwicklung mobilisiert werden können. Sie erläuterte, dass öffentliche Entwicklungsgelder allein nicht ausreichen, um die globalen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Blended Finance setzt daher darauf, durch den gezielten Einsatz öffentlicher Mittel Investitionsrisiken für private Kapitalgebende zu reduzieren und private Finanzmittel zu mobilisieren. Anhand verschiedener Finanzierungsinstrumente, darunter kollektive Anlageinstrumente, Direktbeteiligungen und Garantien, zeigte sie unterschiedliche Möglichkeiten der Umsetzung auf. Mit Blick auf Gender-Lens Investing verdeutlichte sie, dass Blended Finance dazu beitragen kann, zusätzliche Investitionen für Gleichstellungsziele zu mobilisieren und entwicklungspolitische Zielsetzungen stärker mit privatwirtschaftlichen Finanzierungsansätzen zu verbinden. Darüber hinaus können öffentliche Fördermittel genutzt werden, um Investitionen durch begleitende Maßnahmen zu ergänzen.

Finanzielle Gewalt und GLI
Dr. Cornelia Chadi vom institut für finanzdienstleistungen (iff) beleuchtete in ihrem Vortrag Finanzielle Gewalt und Gender-Lens Investing: Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Perspektiven die Zusammenhänge zwischen wirtschaftlicher Selbstbestimmung, finanzieller Abhängigkeit und geschlechtsspezifischer Gewalt. Zunächst erläuterte sie unterschiedliche Formen finanzieller Gewalt, darunter die Kontrolle finanzieller Ressourcen, Einkommenssabotage und erzwungene Verschuldung, und grenzte diese von finanzieller Abhängigkeit ab. Anhand internationaler Studien sowie eigener Forschungsergebnisse verdeutlichte sie die weitreichenden gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen finanzieller Gewalt. Anschließend ging sie auf Maßnahmen zur wirtschaftlichen Stärkung von Frauen im Globalen Süden ein, beispielsweise Mikrokredite, Bargeldtransfers und berufliche Qualifizierungsprogramme. Solche Maßnahmen können finanzielle Gewalt verringern. Gleichzeitig verweisen einzelne Untersuchungen aber auf mögliche unbeabsichtigte Gegenreaktionen, wenn bestehende Machtverhältnisse innerhalb von Haushalten infrage gestellt werden. Sie betonte daher, dass Maßnahmen zur wirtschaftlichen Stärkung von Frauen nicht isoliert betrachtet werden dürfen, sondern durch Ansätze ergänzt werden sollten, die traditionelle Geschlechterrollen und ungleiche Machtverhältnisse adressieren. Insbesondere die Einbeziehung von Partnern sowie gemeinschaftsbasierte Ansätze können hierbei eine wichtige Rolle spielen.

Vertiefte Gespräche in parallelen Arbeitsgruppen
Im Anschluss an die beiden Vorträge vertieften die Teilnehmenden die Themen Blended Finance und Finanzielle Gewalt in zwei parallelen Gruppenarbeiten. Anhand der drei Leitfragen „Was ist uns besonders aufgefallen?“, „Warum ist das für Gender-Lens Investing im Globalen Süden relevant?“ und „Was soll daraus folgen?“ diskutierten sie zentrale Erkenntnisse, Herausforderungen und mögliche Handlungsspielräume. Die Ergebnisse wurden auf Stellwänden festgehalten und anschließend im Plenum vorgestellt.

In der Gruppenarbeit zu Blended Finance wurde insbesondere das Spannungsfeld zwischen privatwirtschaftlichen Renditeerwartungen und entwicklungspolitischen Zielsetzungen thematisiert. Dabei diskutierten die Teilnehmenden sowohl die Möglichkeiten der Risikoreduzierung und der Einbindung neuer Investorentypen als auch mögliche finanzielle Belastungen. Als wichtige Handlungsmöglichkeiten wurden verbindliche Gender-Analysen in allen Sektoren, eine stärkere Zielgruppenorientierung sowie die Berücksichtigung von Gender-Standards und der Zugang lokaler zivilgesellschaftlicher Organisationen zu Blended-Finance-Instrumenten hervorgehoben.
Die Gruppenarbeit zur finanziellen Gewalt beschäftigte sich insbesondere mit möglichen unbeabsichtigten Folgen wirtschaftlicher Empowerment-Maßnahmen. Die Teilnehmenden diskutierten, inwiefern patriarchale Strukturen und bestehende Abhängigkeitsverhältnisse dazu führen können, dass die wirtschaftliche Stärkung von Frauen Gegenreaktionen bis hin zu körperlicher Gewalt auslöst. Als mögliche Handlungsspielräume wurden die Einbindung relevanter Institutionen und Unterstützungsangebote, eine längerfristige Begleitung von Empowerment-Maßnahmen sowie die stärkere Berücksichtigung finanzieller Bildung und Aufklärung genannt. Darüber hinaus wurde die Verantwortung von Fördermittelgebenden angesprochen, mögliche Risiken für Frauen bereits bei der Gestaltung entsprechender Programme zu berücksichtigen.

Chancen nutzen, Grenzen verstehen
Während des gesamten Workshops hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, ihre Gedanken und Einschätzungen auf Moderationskarten festzuhalten und drei Stellwänden zu den Themen Chancen, Grenzen und Handlungsspielräume zuzuordnen. Bereits im Rahmen des interaktiven Kennenlernspiels wurden erste Perspektiven gesammelt, die im Verlauf der Fachvorträge und Diskussionen ergänzt wurden. Zum Abschluss wurden die gesammelten Beiträge von Teilnehmenden thematisch geclustert und in einer gemeinsamen Diskussion vorgestellt.

Unter der Leitfrage Welche Chancen bietet Gender-Lens Investing für eine globale nachhaltige Entwicklung? standen insbesondere die Möglichkeiten im Mittelpunkt, durch Gender-Lens Investing zusätzliche finanzielle Mittel für Gleichstellungsziele zu mobilisieren und die wirtschaftliche Teilhabe und Selbstbestimmung von Frauen zu stärken. Hervorgehoben wurde dabei die Kombination öffentlicher und privater Finanzierung, durch die weitere Investitionen angestoßen werden können. Darüber hinaus betonten die Teilnehmenden, dass Gender-Lens Investing nicht nur finanzielle Handlungsspielräume eröffnen, sondern auch zur Sensibilisierung für Geschlechtergerechtigkeit beitragen kann. Als weitere Potenziale wurden die Förderung eines gesellschaftlichen Kulturwandels sowie eine stärkere Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Ungleichheiten in wirtschaftlichen Entscheidungen genannt.

Unter der Leitfrage Wo liegen Grenzen von Gender-Lens Investing für eine globale nachhaltige Entwicklung? konzentrierte sich die Diskussion auf strukturelle und gesellschaftliche Herausforderungen sowie mögliche unbeabsichtigte Auswirkungen von Gender-Lens Investing. Thematisiert wurden unter anderem Verschuldungsrisiken durch Mikrokredite und die Gefahr, dass Maßnahmen zur wirtschaftlichen Stärkung von Frauen bestehende Machtverhältnisse innerhalb von Haushalten verändern und dadurch geschlechtsspezifische Gewalt begünstigen können. Darüber hinaus verwiesen die Teilnehmenden auf tief verankerte patriarchale Strukturen sowie soziale und rechtliche Hindernisse, die den Zugang von Frauen zu finanziellen Ressourcen und ihre wirtschaftliche Selbstbestimmung einschränken. Deutlich wurde dabei, dass die Bereitstellung finanzieller Mittel allein nicht ausreicht, um bestehende Ungleichheiten abzubauen.
Unter der Leitfrage Welche Handlungsspielräume können stärker genutzt oder erschlossen werden? standen konkrete Ansätze zur Weiterentwicklung und praktischen Umsetzung von Gender-Lens Investing im Mittelpunkt. Diskutiert wurden insbesondere maßgeschneiderte Finanzdienstleistungen, die stärker auf die Bedürfnisse unterschiedlicher Zielgruppen ausgerichtet sind, sowie die Kombination öffentlicher und privater Mittel. Weitere Vorschläge betrafen die systematische Berücksichtigung von Gender-Aspekten bei Green und Social Bonds und die bessere Sichtbarmachung der Wirkung eingesetzter Finanzmittel. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Austausch und der Zusammenarbeit zwischen Finanz- und Implementierungsakteur:innen, um unterschiedliche Perspektiven und Kompetenzen stärker miteinander zu verbinden.

Insgesamt zeigte die Abschlussdiskussion ein differenziertes Bild: Während Gender-Lens Investing Potenziale für die Mobilisierung zusätzlicher Finanzmittel und die Förderung wirtschaftlicher Teilhabe bietet, wurden zugleich strukturelle Grenzen und mögliche Risiken insbesondere im Globalen Süden deutlich. Zum Abschluss dankte Gesa Vögele (Fair Finance Institute) den Referierenden und Teilnehmenden für ihre Mitwirkung. Im anschließenden informellen Austausch bei Kaffee und Kuchen bestand Gelegenheit, die Gespräche fortzusetzen und Kontakte zu vertiefen.
Die Präsentationen zum Download
- Einführungspräsentation (Fair Finance Institute)
- Katalytisches Kapital: Finanzierungsmodelle (für Frauen), die wirklich etwas bewegen (enpact)
- Gender-Aspekte in Mikrofinanz (Invest in Visions)
- Mehr Wirkung durch Blended Finance? Umsetzung, Anwendung und Herausforderungen (iff)
- Finanzielle Gewalt und Gender-Lens Investing: Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Perspektiven (iff)
Bericht und Fotos: Katharina Meyhöfer
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Gefördert durch ENGAGEMENT GLOBAL





