Veranstaltungsbericht

Rückblick auf den Fachworkshop "Chancen und Grenzen von Nature-based Solutions"

Biodiversität, Bildung, FaFin vor Ort, Finanzen, Projekte, Soziales, Weiterbildung
29. September 2025

Nature-based Solutions (NbS) gelten als vielversprechender Ansatz, um Klima- und Biodiversitätsschutz mit sozialer Entwicklung und ökonomischen Chancen zu verbinden – gleichzeitig sind sie jedoch mit erheblichen Risiken und Kritikpunkten behaftet. Beim Fachworkshop Chancen und Grenzen von Nature-based Solutions des Fair Finance Institute diskutierten wir Potenziale, Finanzierungswege und menschenrechtliche Herausforderungen. Besonders im Fokus standen die Bedeutung klarer Qualitätsstandards, der Schutz indigener Rechte und die Notwendigkeit langfristiger Finanzierungen. Die Debatte machte deutlich: NbS können wichtige Beiträge leisten, erfordern aber einen reflektierten, gerechten und inklusiven Ansatz, um Scheinlösungen zu vermeiden.

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Einleitung und Überblick

Nature-based Solutions (NbS) gelten als vielversprechender Ansatz, um Klimaschutz, Biodiversitätserhalt, soziale Teilhabe und ökonomische Entwicklung miteinander zu verbinden. Ob durch den Schutz von Wäldern und Mangroven, die nachhaltige Bewirtschaftung von Landschaften oder grüne Infrastrukturen in Städten, die Bandbreite der möglichen Maßnahmen ist groß. Insbesondere im Globalen Süden werden NbS erhebliche Potenziale zugeschrieben: Umwelt- und Klimaschutz sollen dort Hand in Hand gehen mit Armutsbekämpfung, lokaler Wertschöpfung und sozialer Entwicklung.

Gleichzeitig gibt es kritische Stimmen: Wird der Beitrag von NbS überschätzt? Besteht die Gefahr, dass Projekte im Globalen Süden vor allem dazu dienen, Emissionen und Umweltverschmutzung des Globalen Nordens zu kompensieren, anstatt deren Ursachen konsequent anzugehen? Und wie lassen sich die Rechte lokaler und indigener Gemeinschaften wahren, deren Land häufig die Grundlage solcher Projekte bildet?

Differenzierte und reflektierte Debatte ermöglichen

Um diese Fragen zu diskutieren und Perspektiven aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Finanz- und Realwirtschaft zusammenzuführen, fand am 23. September 2025 im frizzforum Berlin der Fachworkshop Chancen und Grenzen von Nature-based Solutions statt, der vom Fair Finance Institute konzipiert, organisiert und durchgeführt wurde. Gesa Vögele, Geschäftsführerin des Fair Finance Institutes, eröffnete und moderierte den Workshop. Ziel war es, eine differenzierte und reflektierte Debatte zu NbS im Globalen Süden zu ermöglichen und hierfür unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. Dabei waren Fachleute aus der Zivilgesellschaft, der Wissenschaft sowie der Finanz- und Realwirtschaft vertreten, die in den Bereichen Nachhaltigkeit, Sustainable Finance, Impact Investment, Entwicklungszusammenarbeit und Biodiversitäts- sowie Klimaschutz tätig sind.

Den Auftakt bildete ein Überblicksvortrag von McKenna Davis vom Ecologic Institut, der in das Themenfeld NbS einführte. Anschließend gab es Raum für zivilgesellschaftliche Positionen. Diesen Part trugen die Biologin und Aktivistin Jutta Kill sowie Niklas Ennen von Survival International bei. Im dritten Teil des Workshops folgten Praxis- und Finanzierungsbeispiele, von Charlotte Waldraff (GIZ), Dr. Elisabeth Hoch (Climate & Company) und Ferdinand Mairose (Generation Forest). Nach jedem Vortrag boten kurze Diskussionsrunden Gelegenheit, Chancen, Risiken und alternative Ansätze zu sammeln. Diese flossen in die abschließende gemeinsame Debatte ein, in der die unterschiedlichen Perspektiven zusammengeführt und eingeordnet wurden.

Die Veranstaltung verdeutlichte, dass NbS einerseits wichtige Bausteine für Klima- und Biodiversitätsschutz darstellen können, andererseits jedoch klare Leitlinien und Qualitätskriterien brauchen, um soziale und ökologische Risiken zu vermeiden.

Einstieg ins Thema

McKenna Davis vom Ecologic Institut eröffnete den Workshop mit ihrem Vortrag Nature-based Solutions: Mehr als nur grün? Was zählt, was fehlt, was wirkt. Sie ordnete das Thema in die internationale und europäische Politiklandschaft ein, zeigte die bestehenden Definitionen und politischen Rahmenwerke auf, beispielsweise das Global Biodiversity Framework der UN, die Nature Restoration Regulation der EU und insgesamt den Green Deal, und machte die Spannbreite möglicher NbS sichtbar: Von städtischen Maßnahmen wie grünen Fassaden und Gemeinschaftsgärten bis hin zu großflächigen Ökosystemansätzen. Zugleich verdeutlichte sie bestehende Risiken und Lücken, etwa im Hinblick auf die Rechte lokaler Gemeinschaften und Fälle mangelnder Qualität.

Einen besonderen Schwerpunkt legte sie auf Fragen der Finanzierung: Laut der Publikation State of Finance for Nature 2023 stehen pro Jahr rund 200 Milliarden US-Dollar für NbS zur Verfügung. Dies ist dem Bericht zufolge weniger als 40 Prozent des bis 2030 benötigten Volumens, wobei nur ein Bruchteil direkt bei lokalen Akteuren oder indigenen Gemeinschaften ankommt. Abschließend skizzierte McKenna Davis zentrale Erfolgsfaktoren für hochwertige NbS. Diese umfassen eine inklusive, rechtsbasierte, auf Gerechtigkeit ausgerichtete und geschlechtergerechte Governance, ökologische und soziale Integrität, ein langfristiges, transformatives Denken über Politikzyklen hinaus sowie die Verfügbarkeit langfristiger Finanzmittel.

Kritische Perspektiven und Herausforderungen

Jutta Kill, Biologin und Aktivistin, beleuchtete in ihrem Vortrag Kernpunkte zivilgesellschaftlicher Kritik an ‚naturbasierten Lösungen‘ die problematischen Aspekte von NbS-Ansätzen. Sie kritisierte die vage Definition, die zusätzlich unterstützt durch positiv aufgeladene Naturbilder verschleiere, dass NbS häufig vor allem ortsfremden Investoren als Finanzierungsquelle dienen. In der Praxis seien NbS-Projekte überwiegend als Kompensationsmaßnahmen angelegt, was häufig zu einer doppelten Landnahme führe: Einmal am Ort, an dem die Umweltschädigung geschieht oder die Emissionen entstehen. Und einmal am Ort der Kompensation durch NbS.

Anhand konkreter Beispiele aus Brasilien zeigte sie, dass dies oft mit Landkonflikten, Einschränkungen traditioneller Nutzungsrechte und Menschenrechtsverletzungen verbunden sein kann. Darüber hinaus wies sie auf konzeptionelle Schwächen der Kompensationslogik hin, etwa bei der Verrechnung von Lebensräumen und/oder (vermeintlich) eingesparten Emissionen. Dadurch bestehe die Gefahr, dass NbS zur Scheinlösung und zum Freibrief für große Umweltverschmutzer würden, anstatt darauf hinzuwirken, deren Geschäftsmodelle grundlegend zu ändern und die Ursachen zu bekämpfen.

Niklas Ennen von Survival International stellte in seinem Vortrag Grüner Kolonialismus: Wie naturbasierte Lösungen die Landrechte indigener Völker gefährden die Perspektive indigener Gemeinschaften in den Mittelpunkt. Am Beispiel des Northern Rangeland Trust in Kenia veranschaulichte er, dass Umweltschutzgebiete häufig ohne Zustimmung der lokalen Bevölkerung eingerichtet werden und mit gravierenden Menschenrechtsverletzungen verbunden sein können. Projekte zur Generierung von Carbon Credits würden so koloniale Machtstrukturen fortschreiben und die Beziehung der Indigenen zu Natur und Land, die ihnen ein gutes Leben ermöglicht, zerstören.

Dabei wies er darauf hin, dass internationale Abkommen UN Deklaration der Rechte indigener Völker und ILO 169 (Die Indigenous and Tribal Peoples Convention der International Labour Organization ILO). zwar die freie, vorherige und informierte Zustimmung absichern, diese Rechte in der Umsetzung aber vielfach unberücksichtigt bleiben. Er verwies auf die vielfachen Belege, dass Indigene die besten Naturschützer*innen sind. Abschließend plädierte Niklas Ennen für einen menschenrechtsbasierten Naturschutz, der auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert. Wichtig sein, das Wissen und die Fähigkeiten von indigenen Völkern in den Mittelpunkt des Naturschutzes zu rücken.

Nature-based Solutions finanzieren

Charlotte Waldraff von der GIZ stellte in ihrem Vortrag NbS-Opportunitäten im Globalen Süden: Beispiele und Erkenntnisse die Potenziale naturbasierter Lösungen in Entwicklungs- und Schwellenländern dar. Sie betonte, dass besonders Länder mit niedrigem Einkommen stark vom Verlust an Ökosystemleistungen betroffen sind und dass der Finanzsektor ein wachsendes Interesse an Biodiversität und Natur zeigt, bislang jedoch über 80 Prozent der Investitionen in NbS aus öffentlichen Mitteln stammen. Sie präsentierte die Arbeit der GIZ im Bereich Naturfinanzierung, die unter anderem den Aufbau von Kapazitäten, die Beratung von Investoren und Projektentwicklern sowie die Schaffung förderlicher Rahmenbedingungen umfasst.

Anhand von Praxisbeispielen, etwa dem develoPPP-Programm Financing Nature-Based Solutions for a Just Transition in Kenia, Mexiko und Peru und Projekten zur Landschaftswiederherstellung und Agroforstwirtschaft im kenianischen Turkana zeigte sie konkrete Ansätze auf, wie Mischfinanzierungen und regulatorische Reformen private Investitionen mobilisieren helfen können. Gleichzeitig verwies sie auf offene Fragen, etwa zu Nachhaltigkeitsstandards, Skalierbarkeit und Sicherheiten für Investoren.

Dr. Elisabeth Hoch von Climate & Company zeigte in ihrem Vortrag Finanzierung entwaldungsfreier Lieferketten und verbesserter Zugang zu Finanzmitteln für Kleinbauern auf, wie Finanzströme gezielt für naturbasierte Lösungen nutzbar gemacht werden können. Sie stellte heraus, dass Finanzinstitutionen nach wie vor stark in Unternehmen investieren, die maßgeblich zur tropischen Entwaldung beitragen, während gleichzeitig nur ein Bruchteil der Institute verbindliche Richtlinien dazu verfolgt und Verpflichtungen in Bezug auf Entwaldung eingegangen ist.

Ein Schwerpunkt ihres Beitrags lag auf einem verbesserten Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten für Kleinbauern in entwaldungsfreien Wertschöpfungsketten. Sie präsentierte eine Datenbank mit über 80 Finanzierungsmechanismen in verschiedenen Ländern und Sektoren, die Kleinbauern gezielt unterstützen. Zugleich wies sie darauf hin, dass es vor Ort überzeugende Business Cases brauche. Hier könnten Menschen vor Ort über die Einbindung lokaler Zertifizierungs- und Verifikationssysteme von der wachsenden Nachfrage nach ESG-Daten profitieren. Diese Idee bietet laut Dr. Elisabeth Hoch eine Win-Win-Chance für die Beteiligten.

Ferdinand Mairose von The Generation Forest präsentierte mit seinem Vortrag Langfristig finanzierte Wirtschaftswälder als Impact Investment für alle ein Praxisbeispiel für naturbasierte Lösungen aus Panama. Er stellte die Arbeit der Genossenschaft The Generation Forest vor, die durch gemeinschaftliche Investitionen tropische Wälder aufforstet und langfristig bewirtschaftet. Jedes Mitglied beteiligt sich durch Genossenschaftsanteile am Aufbau neuer Wälder, wodurch sowohl CO₂-Speicherung als auch Biodiversität gefördert und zugleich faire Arbeitsplätze für die lokale Bevölkerung geschaffen werden.

Er betonte, dass das Modell auf dem Prinzip des Slow Finance beruhe: Mit dem Wachstum der Wälder entwickele sich auch das Investment, das über die Zeit stabile Renditen ermögliche. Neben ökologischen Effekten wie Bodenregeneration, Wasserhaushaltssicherung und Lebensraum für Flora und Fauna stellte er auch die Zusammenarbeit mit indigenen Communities heraus, etwa mit der Embera-Gemeinschaft in Piriati. Damit verbindet die Genossenschaft Klimaschutz, Biodiversitätserhalt und soziale Teilhabe in einem langfristigen Geschäftsmodell.

Chancen und Grenzen von Nature-based Solutions

Nach den Fachvorträgen gab es zunächst jeweils Raum für Diskussionen, in denen Chancen, Risiken sowie alternative und ergänzende Ansätze gesammelt wurden. Diese Anregungen bildeten die Grundlage für die abschließende gemeinsame Debatte, in der die verschiedenen Perspektiven gegenübergestellt, vertieft und eingeordnet wurden. Die Beiträge ließen sich in drei thematische Bereiche gliedern: Grenzen und Risiken, Chancen und Nutzen sowie Alternativen und Ergänzungen.

Unter den Grenzen und Risiken ging es unter anderem um drei Aspekte: Zum ersten um eine Kritik an der oftmals vagen Definition von NbS, die einen Missbrauch des Begriffs erleichtert und dazu beitragen kann, die Verantwortlichen für Naturzerstörung unsichtbar zu machen. Zum zweiten wurde hervorgehoben, dass die Lebensweisen und Rechte indigener Gemeinschaften häufig missachtet oder marginalisiert werden, sei es durch fehlende Zustimmung bei Projekten und/oder durch die Verdrängung traditioneller Landnutzungen. Der dritte Aspekt schließlich stellt auf die Einzigartigkeit und Komplexität von Ökosystemen ab, die in vereinfachten Kompensationslogiken nicht ausreichend berücksichtigt werden können, was zu falschen Anreizen und schematischen Scheinlösungen führen kann.

Demgegenüber standen die Chancen und Nutzenpotenziale: Hochwertige NbS bieten die Chance, einen wichtigen Beitrag zum menschlichen Wohlbefinden leisten, etwa zu sauberer Luft, Wasserspeicherung und gesunden Lebensräumen. Sie könne zudem mit ökonomischen Chancen verbunden werden. NbS sind wichtig für die Anpassung an den Klimawandel – insbesondere, aber nicht nur, in Städten, beispielsweise durch Küstenschutz, verbesserte Resilienz urbaner Räume oder Agroforstsysteme. Sie bieten Handlungsansätze auch kurz- und mittelfristig im aktuellen gesellschaftlichen und politischen Rahmen und können eine motivierende Wirkung entfalten. NbS ist dann Teil systemischer Transformation, wenn Klimaschutz und Natur gemeinsam berücksichtigt werden und weitere Aspekte, etwas eine inklusive und gerechte Governance, gewährleistet sind.

Bei den Alternativen und Ergänzungen wurden schließlich drei Stoßrichtungen hervorgehoben: Erstens gabe es ein Plädoyer für menschenrechtsbasierte Ansätze, die den Schutz indigener Völker und lokaler Gemeinschaften ins Zentrum stellen. Zweitens sei es notwendig, langfristige politische Lösungen voranzubringen, die nicht nur einzelne Projekte fördern, sondern fördernde Rahmenbedingungen schaffen. Drittens müsse auch die Reduktion schädlicher Finanzströme und übermäßigen Konsums im Globalen Norden stärker in den Fokus rücken, um die Ursachen für Klima- und Biodiversitätskrisen sowie globale soziale Missstände anzugehen.

Insgesamt zeigte die Diskussion ein ausgewogenes Bild: Während Risiken und Grenzen von NbS klar benannt wurden, verdeutlichte die Debatte zugleich die großen Potenziale, wenn Qualität, Menschenrechte und langfristige Strukturen konsequent berücksichtigt werden. In ihren Abschlussworten dankte Gesa Vögele (Fair Finance Institute) den Referierenden und Teilnehmenden für ihre Beiträge und ihr Engagement und unterstrich die Bedeutung des gemeinsamen Austauschs für die Weiterentwicklung des Themas.

Hinweis: Für den Inhalt dieser Publikation ist allein FaFin – Fair Finance Lab gGmbH verantwortlich: Die hier dargestellten Positionen geben nicht den Standpunkt von Engagement Global oder des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wieder. 

Materialien

  • Der obige Workshopbericht, verfasst von Katharina Meyhöfer, mit Fotos, ebenfalls von Katharina Meyhöfer, als PDF zum Download

 

Alle Präsentationen der Referierenden, bei denen wir die Erlaubnis zur Veröffentlichung erhalten haben, sind im Folgenden aufgeführt und verlinkt:

 

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